Was wäre, wenn ein lokaler Energieversorger nicht nur den gesamten Strombedarf seiner Region aus erneuerbaren Quellen deckt, sondern sogar mehr produziert als verbraucht wird? Klingt utopisch? Die Stadtwerke Schwäbisch Hall zeigen seit Jahren, dass dieses Modell funktioniert, und zwar nicht als Pilotprojekt, sondern als gelebte Realität für eine ganze Stadt. Ein Blick auf dieses kommunale Unternehmen lohnt sich für alle, die verstehen wollen, wie lokale Energiewende wirklich aussehen kann.
Wenn 100 % nicht mehr reichen: Der Meilenstein von 109,9 Prozent
Im Jahr 2025 speisten die Stadtwerke Schwäbisch Hall rund 317.800 MWh aus erneuerbaren Energiequellen in ihr Stromnetz ein. Der tatsächliche Verbrauch im Netzgebiet lag bei etwa 289.300 MWh. Das Ergebnis: erneuerbare Energien deckten 109,9 Prozent des gesamten Strombedarfs. Das bedeutet konkret, dass mehr grüner Strom erzeugt als verbraucht wurde.
Das ist kein Zufall. Bereits seit 2018 decken die Stadtwerke den jährlichen Stromabsatz im Netzgebiet vollständig aus erneuerbaren Energien. Seit 2021 stammt dieser Strom zudem komplett aus regionalen Anlagen. Was viele Großstädte noch als Fernziel formulieren, ist in Schwäbisch Hall längst Alltag.
Warum gelingt das hier? Die Antwort liegt in einer konsequenten Strategie über mehrere Jahre: keine kurzfristigen Kompromisse, kein Greenwashing durch eingekaufte Zertifikate aus dem Ausland, sondern der schrittweise Aufbau eigener regionaler Erzeugungskapazitäten.
Photovoltaik, Windkraft und Bürger als Miteigentümer
Im April 2026 nahmen die Stadtwerke ihre bislang größte Photovoltaikanlage in Betrieb. Mit einer Leistung von 10,8 Megawatt peak versorgt die Anlage rechnerisch über 3.000 Haushalte mit Solarstrom. Doch was dieses Projekt besonders macht, ist nicht nur die Größe, sondern das Beteiligungsmodell dahinter.
Beim Projekt „Steinäcker“ haben sich bereits 140 Bürgerinnen und Bürger mit insgesamt mehr als einer Million Euro beteiligt. Das Gesamtvolumen liegt bei 1,4 Millionen Euro. Schon bei einem vorangegangenen Bürgerenergieprojekt investierten rund 100 Menschen gemeinsam 750.000 Euro. Das schafft etwas, das rein staatliche oder privatwirtschaftliche Projekte selten erreichen: echte lokale Identifikation mit der Energiewende.
Wer sein Geld in die Solaranlage um die Ecke steckt, hat ein anderes Verhältnis zur Energiewende als jemand, der nur die monatliche Stromrechnung zahlt. Bürgerbeteiligung ist hier kein Marketinginstrument, sondern struktureller Bestandteil der Finanzierung.
Windkraft als nächster Schritt
Neben der Photovoltaik treiben die Stadtwerke auch den Windkraftausbau voran. Für das Projekt „Rote Steige 2″ wurde 2025 die Genehmigung erteilt, ein weiterer Baustein in der regionalen Erzeugungsstrategie. Die Kombination aus Solar- und Windenergie ist dabei kein Zufall: Beide Quellen ergänzen sich saisonal. Während Photovoltaikanlagen im Sommer stark produzieren, liefern Windräder vor allem in den windreichen Herbst- und Wintermonaten verlässlich Strom.
Stadtwerke Schwäbisch Hall: Vom lokalen Versorger zum überregionalen Dienstleister
Die Stadtwerke Schwäbisch Hall GmbH wurde 1971 gegründet und ist zu 100 Prozent in kommunaler Hand der Stadt Schwäbisch Hall. Mit 730 Mitarbeitenden und einem Umsatz von 408,5 Millionen Euro im Jahr 2024 ist das Unternehmen weit mehr als ein klassischer Stadtwerke-Betrieb. Zum Portfolio gehören Strom, Erdgas, Wärme und Wasser, aber auch E-Mobilitätsinfrastruktur, Telekommunikation, Parkierungseinrichtungen und Bäderbetriebe.
Besonders bemerkenswert ist die überregionale Reichweite unter der Marke SHERPA-X. Über diesen Unternehmensbereich werden energiewirtschaftliche Dienstleistungen und eine spezialisierte Abrechnungssoftware für Kommunen, Wärmeversorger, Netzbetreiber und andere Stadtwerke angeboten. Von Schwäbisch Hall aus werden mittlerweile rund 400.000 Endkunden für etwa 70 Energieversorgungsunternehmen betreut. Ein mittelgroßes Unternehmen aus Baden-Württemberg hat sich damit zu einem bundesweit relevanten Dienstleister in der Energiewirtschaft entwickelt, ohne seinen kommunalen Charakter aufzugeben.
Was andere Kommunen davon lernen können
Das Modell Schwäbisch Hall ist kein Einzelfall aus dem Glück, sondern das Ergebnis klarer Entscheidungen. Welche Stellschrauben sind dabei entscheidend?
- Langfristige Strategie statt kurzfristiger Gewinnmaximierung: Kommunale Trägerschaft erlaubt Investitionen mit Zeithorizont von 10 bis 20 Jahren.
- Regionale Erzeugung als Priorität: Strom aus eigenen Anlagen vor Ort statt zugekaufter Zertifikate.
- Bürgerbeteiligung als Finanzierungsinstrument: Projekte werden nicht nur für die Bürger gebaut, sondern mit ihnen.
- Diversifikation der Dienstleistungen: Von Energie über Parkplätze bis Telekommunikation, breite Aufstellung schafft Stabilität.
- B2B-Skalierung durch Spezialisierung: Mit SHERPA-X wird lokales Know-how zur überregional vermarktbaren Dienstleistung.
Viele Stadtwerke in Deutschland stecken in einem Dilemma: zu klein für große Investitionen, zu starr für schnelle Innovationen. Schwäbisch Hall zeigt, dass kommunale Strukturen kein Hindernis sein müssen, wenn die Strategie stimmt.
Energie lokal denken: Ein Modell mit Zukunft
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. 109,9 Prozent erneuerbare Deckung, eine 10,8-Megawatt-Solaranlage mit echter Bürgerbeteiligung, 400.000 bundesweit betreute Endkunden aus einer Kleinstadt in Baden-Württemberg. Das sind keine Pressemitteilungen, das ist messbare Wirkung.
Gerade weil die Energiewende in Deutschland so oft an mangelnder Umsetzung scheitert, ist ein funktionierendes Praxisbeispiel wie dieses wertvoll. Nicht als Blaupause, die eins zu eins kopiert werden kann, aber als Beweis, dass es geht, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und die handelnden Personen bereit sind, langfristig zu denken.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob das Modell übertragbar ist. Die Frage ist, welche anderen Kommunen bereit sind, ähnliche Entscheidungen zu treffen. Energie lokal zu erzeugen, lokal zu verteilen und Bürgerinnen und Bürger zu echten Mitgestaltern zu machen, das ist kein nostalgisches Konzept aus der Vor-Globalisierungs-Ära. Es ist ein zukunftsfähiges Modell, das in Schwäbisch Hall seit Jahren beweist, dass es trägt.
